Wie weit muss es noch gehen?

Marwa El-Sherbini

Marwa El-Sherbini wurde am 1.Juli in einem Gerichtssaal in Dresden aus Islamfeindlichkeit ermordet.

Aufgrund eines Ereignisses, welches nicht nur mich zutiefst bestürzt, hab ich mich entschlossen trotz der Sommerpause nochmals mich zu Wort zu melden.

Am 1. Juli las ich in den Medien von einem Mordfall in einem Gerichtssaal in Dresden, was mich schockierte, zumal man davon ausgehen sollte, dass Gerichte gewisse Sicherheitsstandards zu pflegen haben. Etwas später erfuhr ich, dass das Opfer eine Muslimin war. In den Medien ist die Rede, dass man noch nicht genau wisse, was die Beweggründe für den Mord waren. An dieser Stelle musste ich mich doch zutiefst wundern. Grund für die Gerichtsverhandlungen waren Beleidigungen wie “Terroristin”, “Islamistin”, …

In diesem Jahrzehnt sind Muslime immer wieder ins Rampenlicht geraten, wenn es um Terrorismus, Selbstmordattentate, Ehrenmorde und allgemein Gewalttätigkeit von Jugendlichen ging. Dass nun eine Muslimin das Opfer eines Mordes ist, scheinen die Medien und die Politik erfolgreich unterbewertet zu haben. Eine jahrelange antiislamische Medienberichterstattung führte dazu, dass nicht nur Seiten wie “Politically Incorrect” großen Zulauf bekamen, sondern auch dass allgemein eine islamophobe Grundhaltung sich verfestigt hat. Das kann einer nun bestätigen oder verneinen. Was für einen Einfluss die Medien jedoch mit ihren Schlagworten haben, hat sich traurigerweise am 1.Juli gezeigt. Dass von Ausländerhass die Rede ist, ist zu bewundern, zumal der Täter selbst ausländische Wurzeln hat.

Wir dürfen jedoch auch nicht verallgemeinern. Alex W. ist ein Einzellfall. Nicht jeder, der Islamhass oder Ausländerhass in sich trägt, ist auch zum Morden fähig. Doch darf es nicht noch einmal zu so einer Tat kommen.

Im Gedenken an Marwa El-Sherbini, ihre Familie und insbesondere ihrem Ehemann und dreijährigen Sohn, welche beide bei dieser Bluttat Augenzeugen werden mussten. Möge dies der erste und letzte Mord aus Islamfeindlichkeit in Deutschland gewesen sein und das friedliche Zusammenleben gestärkt werden.

Weitere Informationen um mehr zu erfahren

So weit musste es kommen

Dresden: Muslima wird bei Gerichtsverhandlung erstochen

Mehr als Ausländerhass

Facebook-Gruppe: Wir sind Marwa!

StudiVZ-Gruppe: Wir sind alle Marwa!

UPDATE: Regierung verurteilt Attacke auf Ägypterin

Schule 2.0

Ist es an der Zeit, dass das Schulsystem einen kompletten Tapetenwechsel verpasst bekommt? Ist der ständig geführte Monolog des Lehrers vorne an der Tafel überfällig? Kann man den nachfolgenden Generationen überhaupt noch überall Basiswissen verschaffen, oder muss man mehr Wert auf Lernmethoden legen? Wie soll unser Bildungssystem in Zukunft aussehen?

Published in: on 22. Mai 2009 at 01:15  Hinterlasse einen Kommentar  
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Grundrecht auf Sicherheit

‘Grundrecht auf Sicherheit’… In Wirklichkeit gibt es so ein Grundrecht gar nicht. Es ist nur eine beliebte Floskel in Kreisen mancher Politiker geworden, um alle möglichen Gesetzesänderungen in der sicherheitspolitischen Debatte durchzusetzen. Die Bürger Deutschlands haben Freiheitsgrundrechte, die einen Doppelcharakter aufweisen – die Abwehrrechte gegenüber Grundrechtseingriffen seitens des Staates und die Anspruchsrechte auf staatlichen Schutz vor Grundrechtseingriffen seitens anderer. Dieser Doppelcharakter sorgt schon seit langem für ein Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit. Und vor allem die Anspruchsrechte auf staatlichen Schutz werden von manch einem Politiker gern in Anspruch genommen, um mehr und mehr Eingriffsrechte für die Exekutive zu schaffen. Die letzten Jahre waren Zeuge dieser Politik, die die gefühlte Bedrohungslage ausnutzte, um weitere Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen zu schaffen. Leider auch zum Leidwesen der Freiheit. Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchung und und und… Aber es ist noch nicht zu Ende! Weitere Gesetzesvorhaben existieren schon. Die Aufzeichnung des Surfverhaltens im Internet, Computerspionage zur Strafverfolgung, Nacktkörperscanner uvm. In den öffentlichen Medien hört man jedenfalls nicht viel davon.

Angesichts der aktuellen Verbreitung des Videos der Kampagne ‘Du bist Terrorist!‘ wollte ich hier mal ein Mind Map meiner vergangenen Abitur-Präsentation über die Deutsche Sicherheits-politik mit den sämtlichen Gesetzesänderungen zur Terrorismusbekämpfung offenlegen. Es ist ‘beeindruckend’, was in so kurzer Zeit getan wurde und noch viel ‘beeindruckender’, wie stark die Privatsphäre ohne großen Aufschrei der breiten Bevölkerung bereits ausgehöhlt wurde. Die Frage ist doch, wie weit darf man noch gehen, oder ist man bereits zu weit gegangen?

Antiterrorgesetze

Aufklärung & Islam?

Hier in Europa würden viele wahrscheinlich eine Harmonie zwischen der Aufklärung und einer Religion ausschließen. Dies liegt vor allem an der geschichtlichen Vergangenheit dieses Kontinents. Im Namen der Kirche wurde die Wissenschaft unterdrückt und Erkenntnisse, die mit dem damaligen Weltbild nicht übereinstimmten, als Werke von Ketzern verhehlt. Wir müssen uns aber ins Bewusstsein rufen, dass dieses Verhalten im Namen der Leiter der Kirche geschah – also den Menschen und nicht der Religion.

Doch gibt es eine Aufklärung im Islam? Wenn man die Idee der Aufklärung betrachtet und sie auf den Islam anwendet, dann ja. Zugegeben: Das Bild, welches in den Medien überwiegend herumgeistert, und die Lage in vielen muslimischen Staaten mögen dieser Aussage nicht wirklich gerecht werden. Und es ist tatsächlich so, dass der Antrieb dieser Idee unter den Muslimen seit einigen Jahrhunderten extrem nachgelassen hat. Dennoch zeigt uns die Geschichte des Islam, die von einer immensen Dynamik getragen wurde, dass das Prinzip der Aufklärung – nämlich das selbstständige rationale Denken – von großer Bedeutung war und immer noch ist. Die Errungenschaften der Muslime zu ihrer damaligen Blütezeit sind Zeugen dieser Entwicklung und dieses Denkens.

In der Zeit, als hier das Mittelalter das Leben beeinflusste, gab es in der arabisch-muslimischen Welt neben dem starken Forschungsdrang auch das Bemühen den eigenen Glauben rational zu durchdringen. Vor allem die Mu’ataziliten führten im 9. Jahrhundert diesen Diskurs für ein rationales Verständnis und eine rationale Deutung der Welt und der Offenbarung. Unter anderem lauten drei ihrer aufgestellten Prinzipien¹:

  1. Erkenntnis hat von dieser Welt auszugehen. Die jenseitige, göttliche Welt können wir nur nachvollziehen auf der Grundlage ihrer Zeichen in der diesseitigen Welt.
  2. Gott und seine Attribute können nur durch Reflexion und erworbenes Wissen erkannt werden, nicht durch unmittelbares oder geoffenbartes Wissen. Die Offenbarung soll nicht wörtlich genommen werden, sondern überprüft und damit argumentativ gestützt werden durch Reflexion und Erkenntnis.
  3. Konsens und Mehrheitsmeinung werden abgelehnt, wenn sie der Wahrheit nicht entsprechen.

Für die damalige Zeit waren diese Thesen schon ein großer Schritt. Sie fanden jedoch keine große Verbreitung, da die Mu’ataziliten dies in ihrem elitären Kreis behielten. Nichts desto trotz hat der Islam bleibenden Einfluss auf die europäische Kultur hinterlassen. W. Montgomery Watt fasst diesen Einfluss wie folgt zusammen:

“Wir können es uns sparen, den arabischen Beitrag gegen den griechischen abzuwägen und darüber zu spekulieren, welcher von beiden der bedeutendere war. Überblickt man das arabische Experimentieren, Denken und Schreiben in seiner Gesamtheit, so erkennt man, dass sich europäische Naturwissenschaft und Philosophie ohne die Araber nicht so früh hätte entwickeln können, wie sie sich entwickelt haben. Die Araber waren nicht bloß Vermittler griechischen Denkens, sie waren echte Kulturträger. Sie erhielten Disziplinen lebendig, zu denen sie Zugang gefunden hatten, und bereicherten sie um neue Fragestellungen. Als die Europäer um das Jahr 1100 begannen, sich ernsthaft für Naturwissenschaft und Philosophie ihrer sarazenischen Feinde zu interessieren, standen diese Disziplinen in ihrem Zenit; und bevor die Europäer selbst Fortschritte in der Wissenschaft machen konnten, mussten sie von den Arabern alles lernen, was zu lernen war.”

Betrachtet man den Einfluss der Muslime aus der damaligen Zeit auf die europäische Entwicklung, so stellt sich auch die Frage, ob die Europäer heute überhaupt da wären, wo sie sind – auch in Bezug zur Aufklärung.

Was uns Muslime jedoch betrifft: Wir müssen wieder anfangen uns unseres Verstandes mit vollem Bewusstsein zu bedienen. Wir müssen unsere Situation reflektieren und auf rationalem Wege angehen um auch den Problemen zu entgegnen. Der Islam ist eine Religion, die auf Vernunft basiert. Wunder, wie man es von vielen Religionen erwartet, sind im Islam von zweit-, wenn nicht sogar drittrangiger Bedeutung. Wir müssen diese Welt und ihre Schöpfung mit unserem Verstand durchdringen, um den Schöpfer zu erkennen. “Siehe, in der Schöpfung von Himmeln und Erde und in dem Wechsel von Nacht und Tag sind wahrlich Zeichen für die Verständigen.” (Qur’an 3:190)

1.Teil: Aufklärung - Tschö!

2.Teil: Aufklärung – Das Katapult

Mehr dazu:

¹Islam und Aufklärung

Aufklärung – Das Katapult

Beim letzten Artikel hab ich so kurz und prägnant wie möglich versucht, das Problem des Verständnisses von Aufklärung darzustellen. Freilich denkt nicht jeder so über Aufklärung. Doch wie komm ich dann überhaupt dazu, so etwas zu behaupten?

Es fängt mit den Klischees an. Diese erleichtern vielen das Leben so sehr, da sie meist eine ganz profane Erklärung über komplexe Dinge geben. Hinzu kommen noch sogenannte Halbwahrheiten, die die Medienlandschaft prägen. Immer wieder schlag ich mir die Hände über den Kopf, wenn ich sehe, wie große Teile der Bevölkerung darauf anbeißen. Da frage ich mich doch zurecht, ob man da noch von Aufklärung sprechen kann, oder etwa nicht?!

Viele verbinden mit der Aufklärung die Überwindung des tiefen Mittelalters und seinem Aberglauben mithilfe der Naturwissenschaft. Doch man verkennt dabei, dass die Aufklärung nicht erst mit dem 18. Jahrhundert begann. Man hat vielmehr erst dann angefangen die Idee zu erfassen und zu definieren. Existiert hat sie schon seitdem der Mensch bewusst hinterfragt und philosophiert hat, denn bei ihr handelt es sich um die geistige Selbstständigkeit des Individuums.

Dennoch ist es nicht zu bestreiten, dass im 18. Jahrhundert die Aufklärung einen Aufschwung zu spüren bekam. Man trat aus der Unmündigkeit heraus und bediente sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen. Doch heute haben wir uns in die selbstverschuldete Unmündigkeit zurückkatapultiert. Ein Zitat von Kant veranschaulicht das am besten:

„Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“  (Immanuel Kant: „Was ist Aufklärung?“, in: ders.: Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften. Meiner Verlag, Hamburg 1999, S. 20.)

Die Unterhaltungsmedien nehmen unsere Zeit so sehr in Anspruch, sodass wir für unsere geistige Selbstständigkeit kaum noch Zeit investieren. Große Zeitschriften übernehmen auf diese Art unser Denken. Die kritiklose Aufnahme des Geschriebenen führt uns dann wieder zu den altbekannten Klischees. Und diese sind Gift für die Aufklärung, derer wir uns doch so sehr rühmen.

Fortsetzung folgt

1.Teil: Aufklärung – Tschö!

Published in: on 14. Mai 2009 at 02:49  Kommentare (1)  
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